Monday, March 21, 2011

Mamma Mia! Italien ist 150.

Das Jubiläumsjahr 2011 droht zu entgleisen, die Autoren feiern es trotzdem.


In turbulenten Zeiten zahlt sich ein Blick in Italiens Vergangenheit aus. Ein letzter der ganz großen kulturellen Universalgenies war Pier Paolo Pasolini. Film, Lyrik, Romane sowie philosophische und journalistische Betrachtungen - der charismatische Norditaliener war vermutlich der einflussreichste Künstler der 1960er-Jahre in Italien. Nun werden unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen nachgereicht.

Rom, Stadt der Arbeiter.

Im Grunde ist es eine kleine Sensation, dass heuer noch nie ins Deutsche übersetzte Tagebuchaufzeichnungen Pasolinis Rom-Zeit aufgetaucht sind. Sie führen den Leser in die Vierteln wie Trastevere, ins Trullo-Viertel oder zu den Arbeitersiedlungen am Stadtrand von Rom, fernab vom heutigen Blick. „Rom, andere Stadt“ nennt sich die Textsammlung, die mehr ist als ein Stadtrundgang. Mit dem Gedanken Pasolinis kann man mitgehen und mitdenken, wenn er jungen Arbeitern seine Gedichte erklärt, sich über den Klassenkampf Gedanken macht und dann wieder äußerst sensibel über verregnete Plätze berichtet, oder ein Gedicht entwirft, das in seiner Pracht sehr ruhig und eben nicht kitschig ist. Kongenial im Band die Bilder von Herbert List, der „das andere Rom“ in den 1960er-Jahren festhielt. Die Stadt am Brodeln, als noch keine gierigen Spekulanten und korrupte Stadtpolitiker ihr Unwesen trieben.

Bella Italia – eine Gruselgeschichte.

Trotzdem darf kein verklärter Blick in die Vergangenheit stattfinden. Italien ist auch in der Gegenwart sehr spannend und vor allem laut. Diese grelle Gegenwart fängt Birgit Schönau sehr gut ein. Schönau ist Wahlitalienerin, in Rom fest verankert, schreibt fürs deutschsprachige Feuilleton und ist auch als spritzige Reisebuchautorin bekannt. In „Circus Italia“, das sehr richtig mit „Aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie“ untertitelt, kommt sie der Sache schon sehr nahe, was Italien ist.

Italien ist eine einzige Großbaustelle, zwischen Lobbyisten und Asylanten, alten und neuen Gaunern, eine Demokratie eben, die schon sehr nahe am Abgrund ein sehr wildes Tänzchen wagt – aber halt noch immer am Leben. Fast einmalig beschreibt Schönau eine Metrofahrt in Neapel, der traurigen Königin Italiens, oder eine heitere Fahrt durch Florenz und seinem „Calcio“. Da sind viele Eigentore, die sich die Apenninhalbinsel schießt, aber die Autorin behält die Übersicht und schafft es, dass dieses „Fertigwerden mit dem ganzen Wirbel“ nicht zu einem Klischee verkommt, sondern als Überlebensstrategie eines Volks dargestellt wird.

Wa.

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