Wednesday, January 16, 2019

Die Literatur in Frankreich bleibt auch 2019 eine harte Kost.



Schon die erste Auflage vergriffen, brauchte dazu kein Weihnachtsgeschäft.


Nach wie vor brodelt Michel Houellebecqs Literatur, aber nicht nur. 

Die Gelbwesten-Bewegung mit Houellebecqs Roman „Serotonin“ in Verbindung zu bringen, ist nicht mehr als ein Marketing Gag, ihn als Visionär zu verehren, wohl eher peinlich und ebenso nicht mehr als eine verkaufsfördernde Strategie. Hätte es wahrscheinlich nicht gebraucht, der wohl größte Misanthrop seit Thomas Bernhard hätte auch so den Weg in die Bibliotheken literaturinteressierter Menschen gefunden. Einmal mehr schickt der französische Autor als Hauptfigur einen Regierungsbeamten ins Rennen, um die Welt nicht zu retten, sondern mit ihr unterzugehen. Der König der Provokation hat es wieder einmal geschafft, das Feuilleton in hellste Aufregung zu bringen. Warum eigentlich?

Der müde Rebell
In einem sehr massiven Roman scheitert der Hauptprotagonist Florent-Claude an sich selbst. Dieses Mal kommt er zwar über das detailreich dargestellte Sexualleben zur reinen Liebe, aber will man das bei dem französischen Ex-Rebell wirklich? Sein Bauernaufstand ist jetzt auch nicht zwingend neu, dennoch schreibt er alles so wunderbar verdichtet. Das macht ihn eigentlich aus, das ist verblieben, aber den wahren Puls zur Zeit spüren bereits andere auf. Beispielsweise Frederika Amalia Finkelstein. 
Die junge französische Autorin schreibt einen Roman über mehr als nur ein ungutes Gefühl. Finkelstein beschreibt das Leben eines Menschen, der die Änderung der letzten Jahre bezüglich des Terrors in Frankreich fokussiert. Sich über das Unfassbare Gedanken zu machen, scheint ihr Auftrag zu sein. Ihr Hauptcharakter, eine Jugendliche, lässt die Terror-Akte der letzten Jahre in ihre Gedankenwelt sickern. Diese permanente Behandlung gibt den anonymisiert Gestorbenen ein Gesicht. Naturgemäß ist das Lesen eines solches Textes nicht einfach, geschweige denn zu schreiben. Finkelstein hat hier einen hochkomplexen Weg gefunden, um dennoch so etwas wie Literatur entstehen zu lassen. Mit einem relativ bescheidenen Inhalt beschreibt sie Alltagssituationen der jungen Frau, die Wege zur Arbeit, ihren Arbeitsplatz sowie eine Reise. Und dazu eben das Bild in den Straßen, welches sich seit den Terroranschlägen geändert hat. Soldaten patrouillieren, Polizisten reagieren nervös, die Bevölkerung hat unterschwellig Angst. 

Darf man das?
Die eigentliche Geschichte beginnt mit den Terror-Anschlägen auf das Bataclan-Theater am 13. November 2015. Aufs Genaueste schildert die Autorin die Fotos aus den Medien mit den entstellten Personen, fast schon in der Präzession eines Wandgemäldes aus der Renaissance. Natürlich anonymisiert, aber eben im Detail beschriebene Leichen nach einem Terroranschlag erzeugen eine eigenartige Stimmung. Man kann es sich leicht machen: Eine Psychose der Ich-Erzählerin ist schnell analysiert, doch das ist nicht der Punkt: Die Frage, um die sich alles ringt ist, ob es zulässig ist, die Geschehnisse auf diese Art zu thematisieren. Darf man das? Bilder, die zum kollektiven Bewusstsein gehören, dürfen auch Teil eines Kunstwerks sein. Ist es eine Provokation? Ja und nein. Als Hinterbliebener ist der Roman schwer zu ertragen, für einen Außenstehenden ist dieser Roman von äußerster Wichtigkeit. Bei aller Realität erfahren die detailreiche Schilderung der unverzeihlichen Taten doch eine künstlerische Veränderung und zollen den Opfern Respekt.  

Martin G. Wanko

(Erstabdruck: Vorarlberger Nachrichten 2019)

Michel Houellebecq: „Serotonin“, DuMont, 334 Seiten
Frederika Amalia Finkelstein: „Überleben“, Suhrkamp, 146 Seiten

Sunday, October 14, 2018

Venedig kulinarisch literarisch betrachtet.




Kaum eine Stadt bietet mehr für einen literarischen, essayistischen und zugleich kulinarischen Diskurs als die Stadt Venedig. Sie offeriert die opulenteste Geschichte aller abendländischen Städte, und manch romantischen Traum, dazu die Schattseiten des Massentourismus sowie ein verabsäumter Umwelt- und Denkmalschutz. Donna Leon legte vor einigen Jahren einen gelungenen Rezeptband vor, „Bei den Brunettis zu Gast“, in dem sie Gerichte beschreibt, welche Brunettis Gattin Paola dem Kommissar kredenzt. Sie öffnete hier quasi ein Tor für andere Autoren.

Die Literatur und der Fisch
Ein anderes Konzept verfolgt der Koch und Autor Gerd Wolfgang Sievers. Mit seinem geschmackvollen Band „la cucina veneziana“ schöpft er aus dem Vollen. Durch fundierte Essays erklärt er über den Umweg der Kulinarik dem Leser ganz nebenbei Venedig. Mit reichlich Wissen ausgestattet, beschreibt er zum Beispiel wie es nun wirklich zu den eher mittelmeerfremden Venedig-Gerichten rund um den norwegischen Stockfisch kam, was es mit den venezianischen Patriziern bei venezianischem Salat auf sich hatte, oder wie es zu frittierten Sardinen mit Zwiebeln „Pesce in Saòr“ kommt. Natürlich verweilt er auch in Harrys Bar und lässt sich diverse Gerichte auf der Zunge zergehen, dennoch wird den Rezepten nur ein kleiner Teil des Buches eingeräumt. Dem Autor geht es wie gesagt eher um die Hinführung zu den Gerichten. Auch die Fotos sind erwähnenswert. In Smartphone-Qualität behalten sie eine gewisse Frische und zeigen die Lagunenstadt auch außerhalb der Highlights durchaus sehenswert. 


Das goldene Buch
Ähnlich wie Donna Leon hingegen verfährt Russell Norman in seinem opulenten Kochbuch „Venedig – das Kochbuch“. Der britische Gastronom zog in eine kleine Wohnung nach Venedig, um quasi seinen Nachbarn in die Kochtöpfe zu schauen. Was kocht der venezianische Bürger so, ist hier die Frage. Hinzu kommen seine Streifzüge durch Märkte und Lokale. Schlussendlich machte sein Projekt die Runde, es klopften die Venezianer an seine Türe und reichten ihm Kochrezepte ihrer Mütter oder Großeltern. Auch auf diesen Seiten findet sich immer wieder der Verweis auf die offene und dem Fremden aufgeschlossene Gesellschaft Venedigs. Daraus resultieren wunderbare und doch einfach Gerichten wie Tagliatelle mit Hühnerleber oder Kalbskottelet mit Salbei und Zitrone. Aber auch Russell Norman besticht durch gelungene Beschreibungen des Weges zu den Gerichten, der Stadt an sich und den vier Jahreszeiten. Hier findet man eindringliche Beschreibungen, die durchaus eine literarische Komponente haben. Alleine der Goldrand an den Seiten und die luxuriöse Aufmachung sind dieses Kochbuch wert. Venedig darf auch nobel sein. 

Vorarlberger Nachrichten - Martin G. Wanko

Gerd Wolfgang Sievers: „la cucina veneziana“, 348 Seiten, Braunmüller
Russell Norman: „Venedig – Das Kochbuch“, 320 Seiten, Doring Kindersley Verlag

Monday, October 01, 2018

40plus - das Magazin






Mit 40 beginnt die Freiheit. Jeder hat die Möglichkeit sich nochmals neu zu orientieren, nachzuschärfen, den Blick auf andere Dinge zu werfen oder auch „nur“ perfekt in der Bahn zu bleiben, den Weg zu optimieren, mit Mut in die Zukunft zu blicken, aber auch mal einen Gang runterzuschalten, die ganze Sache gechillt anzugehen. 

Auf den Lifestyle runtergebrochen heißt das: Nie mehr Prosecco, dafür ein anständiges Glas Rotwein … iTunes weg, Plattenspieler her … Handy im Auto lassen, die Stimmen des Waldes lauschen … Tschick weg, Laufschuhe an … keine Schoko mehr, dafür Portwein und überhaupt: So lange die Stones Spielberg rocken, dürfen wir jung sein und eben halt schon ein bisserl weise.

Diese Gedanken lassen sich in einem subsumieren: Qualitätsverdichtung, mit einem gewissen Blick in die Zukunft, der Möglichkeiten sieht. Wo man gerne anpackt, selbst der Dirigent seines lebensbegleitenden Orchesters ist. Dieses Magazin ist bei Ihnen, werte Leser, auf diesem Weg, auf diesem Denkprozess, gut gelaunt, aber auch ein bisserl reflektierend. Noch ist alles möglich, lassen wir es möglich werden. We will rock you and you will rock it. 

Und hier geht es zum Magazin, viel Lesespaß und ein bisserl Erkenntnis: 









Tuesday, September 11, 2018

Was bringt der Herbst 2018?

(c) Martin G. Wanko, Milano: San Siro


Schützenhöfer verkündet Neuwahlen, da die Budgetgespräche mit der SPÖ scheitern. Michael Schickhofer tritt zurück, Jörg Leichtfried übernimmt die SPÖ Steiermark. Die Pilz-Parlamentarier verlassen ihre Partei und gründen das „Grüne Bündnis 18“. Finanzminister Hartwig Löger tritt zurück, die Regierung holt den Vorarlberger LH Markus Wallner an Bord. Am Wiener Naschmarkt wird schadhaftes Lammfleisch verkauft, hunderte Personen landen im Spital. Die Mur trägt Hochwasser, Siegfried Nagel ruft den Notstand aus, Vize-Bürgermeister Mario Eustacchio verpflichtet alle Grazer Arbeitslosen zu kostenlosem Hilfsdienst. 

J. Hornig übernimmt den insolventen Julius Meinl, die Marke Meinl bleibt jedoch erhalten. Hubert und Martin Auer fusionieren. Dietrich Mateschitz kauft alle Schlösser in der Steiermark sowie den Grazer Schloßberg. Der Schloßberg wird für die Bevölkerung gesperrt und beherbergt nun seltene Raubkatzen. Die Demokratische Republik Kongo versucht sich in einer neuen Regierungsform: Der diktatorischen Demokratie. Das Volk hat das Recht alle vier Jahre einen neuen Diktator zu wählen. Die Uno entsendet einen fixen Botschafter um diese Regierungsform zu beobachten. Nordkorea geht bankrott und bietet Südkorea als Deal die Übernahme an, dafür wird Kim II-sung Außenminister. 

Die südafrikanische Luftlinie Mango Airlines stellt nur noch Frauen ein. Ein japanisches Konsortium produzieren die Concorde auf dem neuesten Stand der Technik. Simmering-Graz-Pauker erhalten den Auftrag das Straßenbahnnetz in Zürich zu erneuern. Im Salzkammergut nimmt im Sommer der Niederschlag um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab. 

Die Weißstorchpopulation in Rust hat sich verdoppelt. US-Flusskrebse verstopfen die Berliner Kanalisation. In Ostafrika stirbt die Rothschild-Giraffe aus. Auf dem Mond findet man Fußstapfen eines Seismo-Dinosauriers. Die Universität von Kalifornien erforscht eine Therapie gegen Internetsucht. Donald Trump muss zum Vaterschaftstest. Unveröffentlichte Falco-Lieder auf YouTube veröffentlicht. Der Cornetto mit Blattgold wird der neue Sommerhit. Im Bodensee finden Erdöl-Probebohrungen statt. H.C. Strache hört zum Rauchen auf. 
Die EU verbietet biodynamischen Weinbau. In den USA dürfen Gorilla den Aufnahmetest in die Pflichtschule machen. Johann Wolfgang von Goethe wird posthum des Plagiats bezichtigt. Texas wird von einer Heuschreckenblage heimgesucht. In Dartmoor wird der mumifizierte Hund von Baskerville gefunden. Lego stellt die Produktion ein. In Graz wird der öffentliche Verkehr durch einen Zeppelin bereichert. Der Klagenfurter Lindwurm wird von einem chinesischen Internetprovider Lin Bim gekauft und vor dem Platz des Himmlischen Friedens aufgestellt. Der HSV sickert in die Insolvenz. Nestle erfindet die Kaffee-Kapsel aus Zellstoff. 

Kanzler Sebastian Kurz Reisekoffer ist in Salzburg verschwunden und taucht in Istanbul ieder auf. Netrebko macht Überraschungsauftritt auf der Murinsel. Tirol führt die Brenner-Maut ein. In Bayern hebt eine Steuer auf nichtdeutsches Bier ein. Ganz Österreich ist vom Leopardennachwuchs „Bronko“ in Schönbrunn entzückt., Mario Kunasek übernimmt die erste Fleisch-Fütterung. Emmanuel Macron vermittelt zwischen den USA und dem Iran. Buttermilch wird das neue Lieblingsgetränk in der Schweiz. In der Grazer Innenstadt gibt es kein Raucher-Lokal mehr. Rod Steward kauft sich ein Haus in Schladming. Der Mount Everest darf nur noch von Einheimischen bestiegen werden. Im Attersee werden Überreste des Rheingolds gefunden. Auf der TU Graz wurde die erste seriell gefertigte Leichtdrone unter zwei Kilo patentiert. Evakuierung auf Linzer Hauptbahnhof nach Fliegerbomben-Alarm. Gösser wird zum beliebtesten Export-Bier in Brasilien gewählt. Michael Köhlmeier erhält den Jean-Améry-Peis für europäische Essayistik. Erdogan wird abgewählt. 

Alexander Wrabetz übernimmt die Sendeleitung bei Servus TV. In Tierfutter wird ein Finger gefunden. Citroën wird nach Argentinien verkauft. Paris Hilton wird Mutter. Madonna verkündet Karriereende. Arnulf Rainer präsentiert weiße Übermalungen auf weißem Papier. Thomas Muster erhält eigene Statue in Leibnitz. Die Grazer Bauernmärkte streiken, die Gebühren sind zu hoch. In St. Pölten eröffnet das erste Kino, welches das Mitnehmen von Haustieren erlaubt. Die Wiener Fiaker-Fahrer dürfen keinen Alkohol mehr trinken. Simon & Garfunkel geben Gratis-Konzert gegen Trumps Mexiko-Politik in New Yorks Central Park. Arnold Schwarzenegger kehrt in die Politik zurück. 

Wa.


(c) Fazit 2018 / Wankos Blog
(C) Foto: Martin G. Wanko Milano, San Siro. 2018

Sunday, May 27, 2018

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Sunday, October 29, 2017

Vier Mal Frankreich.




Die Welt ist groß, doch Frankreich genügt die Innenansicht, nicht zu Unrecht: Julie Estève, Enfant terrible der Pariser Szene, geht mit ihrer Protagonistin, Lola, auf Männerjagd. Im gleichnamigen Roman erobert sie Männer im Nu, lässt sie jedoch sehr bald wieder fallen. So nebenbei fließt Lolas dramatische Kindheit in den Text ein und macht daraus ein Stück Borderliner-Literatur, inklusive psychologischem Background. Aber das ist nicht alles: Es wurde in der letzten Zeit selten so schonungslos und zugleich amüsant über Männer geschrieben. Sehr dichte, literarisch ansprechende Momente enden gekonnt am Höhepunkt der Geschichten und schauen danach in das dunkle Loch der Depression. Und dann kommt doch einer, der eine, der dem eher anstrengenden Treiben ein Ende setzen könnte, im positiven Sinne.
Keine Provokation

Natürlich hat man jetzt keine neue Jelinek vor sich liegen, weder „die Klavierspielerin“ noch „die Lust“ ist mit „Lola“ zu vergleichen. Bei Julie Estève fehlt das provokante Element, vielleicht auch die ernüchternde Gewalt der Elfriede Jelinek. Alleine der Mädchenname „Lola“ hätte die österreichische Autorin vermutlich zu einem Angriff gegen jegliche Erwartungshaltungen genützt. Julie Estève traut sich hier noch nicht so richtig raus. Vielleicht kommt das noch - „Lola“ ist eine gelungene Verstörung, die den Leser durchaus dranbleiben lässt und auch einen gewissen Unterhaltungswert hat. Abseits der großen Provokation ein wirklich sehr eigener Roman. 
„Balzac, Balzac!“, hört man das gebildete Paris jubilieren, wenn es um Virginie Despentes Roman „Das Leben des Vernon Subutex“ geht. So weit ist es noch nicht, aber Virginie Despentes zeichnet ein sehr präziseres Sittenbild unserer Zeit. Nach einigen Werken über Randgestalten unserer Gesellschaft, ist ihr neuer Roman eine Art Versuch über die Menschheit. Damit kommt sie in der gesellschaftlichen Mitte an und gewinnt so an Bedeutung.


Gesellschaftliches Kaleidoskop
Vernon, ein Schallplattenhändler, verliert seinen Job und schlussendlich seine Wohnung. Er bemüht nun seine gar nicht so knappe Liste an Kontakten, tingelt so von Freund zu Freund und nistet sich für einige Tage ein. Dabei heraus kommt ein Spiegelbild der Menschheit. Besonders gut gelingen Virginie Despentes die Porträts der Pariser Kulturszene, sehr böse und dennoch zum Lachen komisch. Die Autorin macht hier einen gelungen Querschnitt durch die Pariser Gesellschaft, jegliche Tabus sind ihr fremd. Leider fehlt an manchen Stellen die Stringenz, gerade wenn sich die Autorin zu sehr vom Hauptprotagonisten entfernt. Aber der Roman funktioniert und schlussendlich soll er zu einer Trilogie ausgebaut werden. Hoffentlich kann die Spannung gehalten werden.

Sowohl „Lola“ als auch „Das Leben des Vernon Subutex“ zeigen eine gewisse Vormachtstellung der französischen Literatur in Europa. Frankreich nimmt sich gesellschaftlich und kulturell nach wie vor sehr wichtig und dieses Selbstvertrauen ist auch in den Romanen festzustellen und beim Lesen nach wie vor spürbar. Hiermit muss jetzt nicht übertrieben werden, jedoch in einer Welt, die sich permanent versucht gleichzuschalten, kann der eigenständige Weg nur zum Vorteil gereichen.
Gitarre und Paris

In „Vintage“, so der Titel Grégoire Herviers Romans, geht es nicht um Mode oder Möbel, sondern um gebrauchte, edle Gitarren, genauer um E-Gitarren. Gleich zum Inhalt: Der Pariser Thomas Dupré ist vom Beruf her Gitarrenrestaurator und zugleich Liebhaber dieser Instrumente. Im Speziellen sind es E-Gitarren aus den Fifties und Sixties, die es ihm angetan haben. Eines Tages beauftragt ihn sein Chef eine der restaurierten Gitarren persönlich einem gewissen Lord Winsley nach Schottland zu bringen. Angekommen, auf dem ehemaligen Schloss von Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page, weiht ihn Lord Winsley in ein Geheimnis ein: Ihm sei eine „Gibson Moderne“, eine sagenumwobene Gitarre, von der nur einige Prototypen gebaut wurden, gestohlen worden. Er beauftragt nun Thomas, für ihn die Gitarre zurückzuholen. Dafür bekommt er eine Million Pfund, sowie ein erstklassiges Erlebnis. Das Abenteuer kann also beginnen.

Abenteuerlust

Grégoire Hervier knüpft an große Abenteuerromane an, verfasst in der Tradition eines Jules Vernes, Jack Londons oder Mark Twains. Man kann diesen Roman auch als Krimi lesen: Ein gestohlenes, wertvolles Musikinstrument, ein toter Gitarrenbauer, dazu zaubert der Autor noch einige schräge Vögel auf die Bühne: Verschrobene Sammler, Millionäre mit eigenen Privatmuseen, Händler ohne Skrupel. Falls man ein Freund von Abenteuergeschichten ist, grundsätzlich an Rock-Musik interessiert ist und das Spiel zwischen Faktum und Fiktion liebt, dann ist man bei Grégoire Hervier goldrichtig.

Brutale Realitäten

Bei Édouard Louis hat die Fiktion nur begrenzt Platz. Nach seinem autobiographischen Debüt „Das Ende von Eddy“, in dem er seine Jugend als homosexueller Außenseiter bezüglich seiner intoleranten Familie und dem problematischen Umfeld seiner Schulzeit aufarbeitet, legt er nun einen zweiten Roman, „Im Herzen der Gewalt“, vor, ebenfalls autobiographisch. Dieses Detail wird hier wesentlich, wenn man den Inhalt des Buches in Betracht zieht. Hier wird der Ich-Erzähler von einem Mann vergewaltigt und mit dem Tode bedroht. Geschickt wird die Situation gezeichnet: Fiktiv lässt der Autor auch andere Personen zu Wort kommen, die dieser Geschichte unterschiedliche Perspektiven verleihen. Dazu ist das Grundthema des Autors allgegenwärtig: Eine eindringliche Stimme, die wieder und wieder feststellt, es bis hierher nach Paris, in die gesittete Welt, in die intellektuelle Schichte geschafft zu haben - und dann dies: Missbrauch und Morddrohung.

Sofern man sich diesem Roman öffnen kann, ist er wirklich sehr feinsinnig und feingliedrig und tatsächlich ein ausgezeichnetes Stück Literatur. Dass der Inhalt auch außerhalb des Feuilletons für Diskussionen sorgte, liegt vor allem daran, dass der Vergewaltiger laut Autor ein Schwarzer ist, der diese Tat bis heute bestreitet. Dennoch geht es hier nicht um Schuldzuweisungen, sondern um einen literarischen Achtungserfolg, dem man auch den zum Teil doch sehr pathetischen Stil verzeihen kann.

Martin G. Wanko (Vorarlberger Nachrichten)

 Julie Estève: „Lola“, 160 Seiten, Rowohlt
Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex“, 398 Seiten, Kiwi

Grégoire Hervier: „Vintage“, 389 Seiten, Diogenes

Édouard Louis: „Im Herzen der Gewalt“, 216 Seiten, S. Fischer

Monday, September 18, 2017

15 Konzerte in 30 Zeilen.

That's me und die Stones am Becher.


Nach wie vor bekomme ich vor Konzerten das Kribbeln. Obwohl dieses Gefühl jetzt nicht  zwingend vom Zuschauerstrom und von der Bekanntheit der Band abhängig ist. Das Ding muss für einen passen und sonst gar nix. Passiert mir übrigens beim Fußball auch, aber das ist dann wieder eine andere Story. Samstags gastierten die Rolling Stones am Red Bull Ring in Spielberg. Da konnte alles zusammenpassen: Band, Ort und Größe der Veranstaltung. Oder eben nicht: Weder Band, noch Ort, noch Größe, kann ja alles scheitern und schon beginnt man zum Nachdenken. Wie waren die letzten 50 Konzerte, die wir* so sahen.

The WHO in der Stadthalle waren großartig, einzig das klassische Gitarrenzertrümmern blieb aus, in einigen Jahren eine Angelegenheit für das Konzerthaus, jetzt im positiven Sinne. Red Hot Chili Peppers auf Nova waren hingegen eine Enttäuschung, zu wabbelig war der Sound und eine gewisse Textsicherheit wäre tatsächlich a Traum gewesen. Sehr erfreut hat hingegen Nick Cave auf Frequency im Jahre 2013, eine irre australische Predigt im weißen Licht. Fast schon kindliche Freude traf uns bei Blink 182, in der Originalbesetzung. In Graz sehr lustig und erfrischend K.I.Z. (das Konzert, in dem das Rauchverbot im PPC für die Jollies war). AnnenMayKantereit, (das Konzert, in dem 16-jährige Mädchen die Nichtraucherzone im PPC eisern verteidigten), woher May diese kräftige Stimme hat, weiß kein Mensch. Alligatoah mit Animator eh sehr okay.

Frittenbude, die Jungs aus Berlin waren wirklich wild und geil, irgendwie Rap, Punk, das sind Menschen mit Anstand & Meinung. Iggy Pop in der Arena, Wien (100 Leute mit Iggy auf der Bühne und Iggy bei strömenden Regen im Publikum). Kraftklub KK, (leider nur das letzte Lied, durch viel Blödheit im eigenen Schädel den Rest nicht gesehen), Tocotronic, trotz Grazer Soziologen und Psychologen-Publikums okay, vor allem auf den Zuruf „Hamburger Schule“, den er als „Hamburger Sonderschule“ quittierte. Deichkind eigentlich immer großartig, nie vergessen werden wir die „Yippie Yippie Yeah“-Tournee, zwei Mal Bilderbuch, zurzeit von „Maschin“ (klingt fast kärntnerisch „ma scheeen“), noch im Glauben, dass Bilderbuch die besseren Wanda wären, was sie aber nicht sind. Wanda, bei denen wir uns nachträglich für den J&B in der ersten Reihe links bedanken wollen. 


 
That's Mick, ohne Becher, dafür mit Gitarre.
 

Und dann war da der letzte Samstag, der 16.09.2017, und wir im Bus von Graz nach Spielfeld. Neben mir ein eh ganz cooler aber doch leicht angespannter Typ, weißes Haar und so, wo ich vom Gefühl her nicht so genau wusste, ob ich ihn jetzt duzen kann, oder ob das nicht mehr geht, hinter mir Jeansjacken-Prolls, die sich einen Deut zu laut über ihre „Erfolge“ im Golfsport unterhielten. Dazu nimmt der Regen minütig zu und ich denke an die Gatsch Partie in Woodstock, die ich nie erlebt habe, an die gute alte Zeit, die nie so gut war, wie wir sie uns vorgaukeln und will einfach nur eines haben: Ein verdammt geiles Konzert, das keine Wünsche offenlässt, anders ausgedrückt: Die Möglichkeit einer gelungenen Veranstaltung mit fast 100.000 Besuchern.

Und? Es war so. Geiler Gig!

 Wa.
 

*Wir: Tochter & ich