Saturday, November 07, 2015

Facebook: Warum minus 30 Prozent Friends guttun.

Ja, sicher ;)
 


FB Friends scheinen in Summe eine Art Freund zu sein, ein einzelner Typ mit dem man zu tun hat, der jedoch in Wirklichkeit nicht existent ist. Eine virtuelle Gestalt aus allen Freunden zusammen, die einen mit Infos füttern und mit denen man sich unterhält. Irgendwie wurde mir das unheimlich. Zeit dem Freund ein verfeinertes Gesicht zu geben.

Anfangs war nur die Idee da, Menschen mit denen man nichts persönlich zu tun hat, von Facebook zu löschen. Von knapp 1000 Friends geht es so mal locker auf 900 runter, ohne viel Aufwand. Ein paar Bekannte sind dabei, aber im Grunde nicht so schlimm. Bis heute hat sich kein Entfreundeter bei mir gemeldet, werde ihnen also nicht aufgefallen sein. Macht  ja auch nix. Ich bin ja auch nur ein Läufer ein Kickplatzgeher und ein Habi, der gelegentlich auf FB etwas reinschreibt. Das war Anfang Oktober. Interessant wurde es, dies zu posten.

Der erste Rauswurf

„So, 100 Friends rausgeschmissen, habt’s ein Glück gehabt“ war mein lapidares Statement zu meinen übriggebliebenen Freunden. Diese freuten sich, zumindest bekam ich überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit (Likes), über 60, dazu noch 17 Kommentare. In den nächsten drei Wochen wiederholte ich die Übung. Jedes Mal löschte ich 100 FB Friends, was mir jedoch zunehmend schwieriger fiel. Die FB-Friends mit denen man selten bis nie in Interaktion tritt sind auf FB so flüchtig wie Flöhe im Hundefäll, denn größtenteils zeigt FB Freunde an, mit denen die Interaktion stimmt - Egal, es wird natürlich schwieriger, weil man ab einer gewissen Zahl Friends löscht, die man persönlich kennt. Da überlegt man dann genauer, aber es hilft nix, minus 100 sind minus 100. Das war mit mir so ausgemacht.

Die Reaktionen

Spannend an der Übung war eigentlich der dramaturgische Hintergrund: Blitzschnell verstand jeder (jede) Interessierte, was mein Spiel soll. Dazu fühlte er sich auch noch angesprochen, weil ihm „es“ ja auch passieren könnte.  Dies bedeutet, dass die am leichtesten verständliche Dramaturgie zugleich die eindringlichste ist. Sollte sich jeder Autor und Filmemacher hinter die Ohren schreiben. Die simple Dramaturgie trieb jedoch sehr schöne Blüten, denn die Antworten waren oft nicht schlecht: Rolf zum Beispiel schickt mir zum Dank fürs Nicht-Entliken ein Foto meines Vaters zu. Martin meinte zum Beispiel, dass am nächsten Freitag die 100 Entfremdeten zu mir nach Hause kommen würden, um mich zu „begrüßen“. Thomas meinte: „Einmal Freund, immer Freund! So geht's ja auch nicht. Ich werf' meine alten T-Shirts ja auch nicht weg. Überhaupt, wo sind die eigentlich? Grübel ...“. Robert war „Verwundert“, dass ich Andrea nicht von meiner Liste strich usw. – alles super Antworten, nebenbei stiegen auch die Likes für Postings, die ich so nebensächlich betreibe.

Auch reale Treffen waren nett, am Fußballplatz, im Supermarkt, beim Joggen. Die Menschen haben sich gefreut, dass ich sie nicht entfreundet habe. „Noch immer Freunde!“, war der allgemeine Tenor. Besonders lustig war hier Thomas, den ich entfreundete, und am nächsten Tag eher zufällig traf. Er meinte, er sehe mich auf FB immer (!) beim Laufen und auf dem Fußballplatz.. Als ich ihm zur Verabschiedung  sagte, dass wir uns in einem anderen Leben wiedersehen werden, schaute er mich leicht verwirrt an. Ich glaube, er weiß bis heute nicht, dass unser gemeinsames FB-Leben beendet ist.

Die Konsequenz

Mit 300 Freunden weniger, habe ich über 30 % meiner Friends zumindest digital über den Jordan geschickt. Warum nicht gleich alle? Wäre doch eine feine Sache, sich von den letzten 100 Friends zu verabschieden und dann sich in letzter Konsequenz selbst zu entliken. Ja, vielleicht kommt das noch einmal. Es hat zumindest etwas von Agieren und nicht von Reagieren. Und Menschen die agieren, werden nun mal eher gemocht, als Menschen die reagieren. Ist ja alles nur ein Spiel, ist ja nix passiert. Ein bisserl Aufmerksamkeit braucht jeder, da schließe ich mich nicht aus, obgleich es mir wichtig erscheint, gelegentlich an den Dingen loszulassen, die man nur gewohnheitsmäßig festhält. Also, ich rate einem jeden: - 30 % Facebook-Friends zahlen sich auch. Weniger ist mehr, Tatsache.

Wa.

P.S.: Schön, dass wir noch befreundet sind, irgendwann lernen wir uns schon noch kennen. Und: Rätselraten entstand, welche Friends ich nach welchem Prinzip entfreunde. Hier stand nicht wie vermutet, der Fußballverein an vorderster Stelle.

© Text: Martin G. Wanko.



Thursday, November 05, 2015

Philip Kerr: Kick and rush!




Philip Kerr ist ein englischer Trillerautor höchster Qualität. Er reüssierte bereits mit „Game over“, oder „Das Wittgensteinprogramm“ und wurde damit unter anderem mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Mit „Der Winter Transfer“ legt der Fußballfan nun seinen ersten Fußball-Thriller vor. „Der Winter Transfer“ handelt von einem Co-Trainer, der prinzipiell nur eines versucht, seine Mannschaft London City auf Vordermann zu bringen und ein halbwegs gutes Mannschaftsklima aufrechtzuerhalten. Plötzlich findet man einen ehemaligen Freund und Mannschaftskollegen von Scott erhängt auf einem Mast vor dem Wembley-Stadion baumeln. Ziemlich unangenehm, dass dieser noch vor Stunden bei Scott auf Besuch war. Als dann noch der Trainer der Mannschaft ermordet wird, hört sich der Spaß auf und Scott, mit viel Insiderwissen ausgestattet, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Der Zug zum Tor

Nun denn, es gibt kaum etwas Schwierigeres, als ein gelungenes literarisches Werk zu schaffen, das an die Leidenschaft des Autors gekoppelt ist. Zu viele Ausschweifungen, zu viele Details, Seiten also, denen der mäßig interessierte Leser nicht folgen mag. Noch problematischer wird es, wenn es hier um ein Thema geht, auf das die eine Hälfte der Gesellschaft brennend, die andere jedoch überhaupt nicht interessiert, nämlich Fußball. Dazu kommt noch, dass fußballbegeisterte Personen jetzt gerade nicht als überdurchschnittliche Leser bekannt sind. Doch Philip Kerr meistert dies grandios. Hin und wieder erzählt der deklarierte FC Arsenal Fan eine Nuance zu viel, das kann als brasilianisches Dribbling quotieren, ich zwicke ihm da aber schon in die Eier. Aber: Er hat einen Zug zum Tor, sprich: Die Spannung lässt nicht nach. Nun, Weihnachten naht, und wollen die Damen unter den Lesern ihren fußballversessenen Partnern ein Buch schenken, welches denen so richtig Spaß macht, wäre „Der Winter Transfer“ ein guter Griff.

Wa.
Philip Kerr: „Der Winter Transfer“, 425 Seiten, Tropen Verlag