Tuesday, June 02, 2009

Börsenhaie und andere Analysten.


Geld und Literatur. Ein schwieriges Kapitel. Wenn es von Autoren zum Thema gemacht wird, dann eher klagend: Sie haben zu wenig Kohle. Interessant ist, dass gerade jetzt, wo die internationale Finanzwelt in argen Turbulenzen steckt, zwei Autoren Wertpapieranalysten zu ihren zentralen Figuren machen und das mit ganz unterschiedlichen Zugängen.
„Cityboy“ heißt eine Kurzgeschichtensammlung von Geraint Anderson, der selber einmal Analyst auf der Londoner Börse war und nun den Kronzeugen einer verlotterten Welt spielt. Seine knackigen Storys wurden zuerst unter einem Pseudonym in einem Londoner Stadtmagazin herausgebracht. Die Wogen gingen hoch, denn im Grunde beschreibt der Autor die Börsenspekulanten als ziemlich miese Zocker, die aber nicht ihr Geld in die Casinos tragen, sondern mit Geld anderer Menschen auf der Börse herumwerfen. „Cityboy“ ist eine aufbereitete Sozialstudie. Machtmissbrauch, Drogenexzesse, Sexorgien sind die Highlights von so manchen Broker oder Analysten. Die Textsammlung wäre eine geeignete Grundlage für einen Martin Scorsese Film über das Börsen- und Bankenmilieu. Nicht unwitzig: Das Buch hat der Börsenbuch Verlag veröffentlicht.

Ganz anders geht Joseph O’Neill mit seinem Erzähler Hans van den Broek um. Er ist Analyst an einer namhaften amerikanischen Bank. Zur Sicherheit lässt er ihn von Anfang an nicht so viel über das Bankgewerbe schwätzen. Vielleicht hat er ihm den Job auch nur deshalb gegeben, damit sich sein Erzähler über Geld keine Gedanken machen muss.
O’Neill bringt eine kolossale Geschichte über ein New Yorker nach dem 11/09 aufs Papier, der Tag, an dem das Leben für viele New Yorker anders wurde. Hans van den Broek muss mit seiner Familie ins Hotel ziehen, da ihr Loft in Tribeca, einem Stadtteil in Manhattan, in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und hier beginnen auch die Probleme. Trägheit und Angstzustände nisten sich ein. Seine Familie verlässt ihn und anstatt dessen findet er Kontakt zu einem Westinder Namens Chuck Ramkissoon – ein zwiespältiger Zeitgenosse, wie sich bald herausstellen wird.
Der Autor beherrscht es perfekt, mit der Vergangenheit seines Erzählers eine Art Zukunft zu beschreiben. Immer wieder schlägt er Brücken zwischen vergangenen Geschehnissen, die den Blick in die Zukunft weisen. Dazu kommt O’Neills Erhabenheit über die bildliche Gestaltung seines Textes. Metaphern, die nicht peinlich sind, Landschaftsbeschreibungen, die nicht kitschig sind und Dialoge, die so natürlich sind, als hätte er seine Nachbarn belauscht.
O’Neill hat eine irische Mutter und einen türkischen Vater. Er wuchs in Holland auf und immigrierte erst vor einigen Jahren in die Vereinigten Staaten. Prinzipiell ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet ein Immigrant den Ground Zero-Roman schlechthin schreiben hat müssen. Mit dem unbelasteten Blick eines Ankömmlings vermeidet er die Sicht auf die Allgemeinplätze der Katastrophe. Dazu hat er die Alte Welt noch im Blut und betrachtet New York aus einer Außenseiterposition. Joseph O’Neill zählt zu den Autoren, die New York um eine Facette reicher gemacht haben.

wa.

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