Sunday, June 16, 2013

Das wilde Land Amerika wird neu erforscht

Die Großstadtsümpfe und wahre Sümpfe - zwei Autoren suchen sie auf.




Die Großstadtsümpfe und wahre Sümpfe - zwei Autoren suchen sie auf.

 

Joe R. Lansdale begibt sich in das Hinterland von Texas, weit vor unserer Zeit. In der atemberaubenden Geschichte „Dunkle Gewässer“ erzählt er über das Schicksal einer kleinen Bande, die aus einem Dorf Reißaus nimmt. Am Anfang steht hier ein Mord an der hübschen aber ärmlichen May Lynn, die grausam massakriert im ortsnahen Fluss versenkt wurde. Ihre Freundin Sue Ellen und zwei Kumpels finden, dass May Lynns Traum nach Hollywood zu gehen, wenigstens nach ihrem Tod in Erfüllung gehen sollte, indem sie ihre Asche in die Stadt der Träume bringen wollen. Ein kühnes Vorhaben, ist man doch wirklich im letzten Nest, in den Sümpfen von Texas beheimatet. Plötzlich finden sie in May Lynns Tagebuch eine Schatzkarte, und eine abenteuerliche Reise durch ein raues Land beginnt.

 

Abenteuer und Soap gemischt

Auf den ersten Seiten des Buches fühlt man sich in einen Roman von Donald Ray Pollock hineinversetzt, dem neuen Star der ungeschönten historischen Darstellung der Vereinigten Staaten. Äußerst präzise wird hier von der Ich-Erzählerin, der jungen Sue Ellen, geschildert, welche Gegebenheiten es mit dem Ort und den ansässigen Familien auf sich hat. Würde es nicht die junge kraftvolle Stimme Sue Ellens erzählen, die viel Wind und auch Komik in die detailverliebten Grausamkeiten bringt, müsste man wohl einige Male schlucken. Doch Mord und Totschlag verlieren sich immer mehr, übrig bleibt eine nicht unsympathische Geschichte über einige Ausreißer. Der Autor bleibt hier sehr gut in der Zeit der Industrialisierung, schreibt die Story aber in Form einer modernen Abenteuergeschichte, mit viel Augenzwinkern. Er entdeckt für sich die Kraft des Trivialen, der Soap, des Kitsches. Das mischt er geschickt in die Geschichte hinein, es nimmt ihr dadurch den bitteren Beigeschmack einer literarischen Sozialstudie und macht sie so geschmeidiger und die Charaktere vor allem menschlicher. Auf den Punkt gebracht, ist „Dunkle Gewässer“ eine Parabel des Verzeihens, ohne aber zu sehr wie ein Lehrstück zu klingen.

 

Paul Austers lässt grüßen

E. L. Doctorow ist hier wohl schon abgebrühter. Er zählt zu den großen amerikanischen Autoren und bringt mit „Alle Zeit der Welt“ ein Buch mit Kurzgeschichten heraus. Im Fokus stehen die Großstadtsümpfe und ihre Skurrilität. Ein Mann verduftet aus seiner Familie, beobachtet einige Zeit ihr Treiben, um schlussendlich doch wieder aufzutauchen; ein Amerikaner ohne nennenswertes Einkommen ehelicht eine Immigrantin, um zu Geld zu kommen und verliebt sich in sie; der Autor lässt den Leser auch in die nicht minder interessante Welt eines geistig Abnormen hinein – vielleicht liegt es daran, dass manche Storys schon etwas abgewetzt sind, denn schlussendlich kommt man dem Autor zu schnell auf die Schliche und hat eine Ahnung wie die Geschichten ausgehen. Das ist jetzt nichts Schlechtes, schmälert jedoch die Freude am Lesen. Trotzdem: Der Freund an soliden amerikanischen Kurzgeschichten, die eine Spur nach Paul Austers früheren Werken klingen, sollte sich E. L. Doctorow nicht nehmen lassen.

 

Martin G. Wanko

 

Joe R. Lansdale: „Dunkle Gewässer“, 320 Seiten, Tropen Verlag.

 
E. L. Doctorow: „Alle Zeit der Welt“, 348 Seiten, Kiepenheuer & Witsch

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