Absoluter Chiller, würde man heute sagen. |
Die am hellsten leuchtenden Magazine sind die, die sich
nicht überleben, und nach ihrer Zeit sang- und klanglos untergehen. Das
interessanteste Magazin der letzten 30 Jahre, das diesen Weg bestritt, hieß
„Tempo“, welches unsinnige Dinge sinnig beschrieb und umgekehrt. Im Nachhinein
schauen ja solche Magazine immer ein bisschen peinlich aus, und man geniert sich manchmal, darin
geblättert zu haben, aber die Riege der Autoren, die dem Blatt entsprangen, geben
der Existenz des Magazins Recht: Christian Kracht, Helge Timmerberg, Rainald
Goetz, Moritz von Uslar war einer, und Marc Fischer, um den es heute geht, war
im Tempo Reporter und entdeckte die Reportage für sich. Fischer brachte
ziemlich viel gekonntes Rauschen und Flattern in den Blätterwald, aber das war
einmal, denn Marc Fischer schied 2011 als 40-jähriger freiwillig aus dem Leben. Jetzt
sind seine beeindruckenden Reportagen in Buchform erschienen. Titel: „Die Sache
mit dem Ich“
Die neue Art des Schreibens
Zugegeben, das Eis brach der US-Autor Truman Capote schon
1950, als der die damals noch junge und frische amerikanische Rock n‘ Roll und
Filmkultur samt ihren Stars zum Thema seiner Kolumnen machte. So locker wie
Capote schrieb und schreibt kaum einer: Die Autoren erfanden die Reportage neu,
die persönliche Sicht der Dinge vermischte sich mit den Ereignissen, der „New
Yournalism“ war geboren. Im deutschsprachigen Raum lange verpönt, war Marc
Fischer einer der Eisbrecher für die Erneuerung hierzulande. Liest man nun
seine pfeffrigen oder auch feinsinnigen Reportagen, glaubt man bei den Yes Man,
David Lynch, Kate Moss und Jennifer Lopez mit am Sofa zu sitzen. Das unheimlich
Geschmeidige an den Fischer-Reportagen ist jedoch, man muss die Stars glücklicherweise
nicht kennen, und dennoch merkt man um was und vor allem wie sich die Welt in
dem Moment dreht. In diese Gespräche schrieb er ein Körnchen Selbsterkenntnis,
streute kluge Sätze zwischen manch banale Antwort, damit der Kitt die
Reportagen schön zusammenhält. Aber es geht nicht nur um Stars, sondern auch um
Gegenden, oder kluge Storys über das Rauchen oder die Liebe. Wer also
Reportagen liebt, ist bei Fischer gut aufgehoben. So ganz nebenbei: Es passt im
Bücherregal sehr gut zu Moriz von Uslars „100 Fragen“.
Marc Fischer: „Die Sache mit dem Ich“ (288 Seiten, Kiwi)
Wa. (Blog 5)